Wie gefährlich ist Geocaching?

Seit einigen Wochen geistern durch diverse Medien (insbesonders kleinformatige Zeitungen) Meldungen wonach der „Modesport Geocaching seine Fans immer mehr zur Leichtsinnigkeit treiben würde“. Anlass für diese Berichterstattung sind zum einen ein tragischer Verkehrsunfall vor wenigen Wochen in Salzburg bei dem ein Geocacher getötet und ein zweiter schwer verletzt wurden, zum anderen ein schwerer Unfall in einem der vielen Stollen, die Linz durchziehen vor wenigen Tagen. Die Geocaching-Community wehrt sich natürlich gegen diese Darstellung des Boulevards. Was ist also dran, was sind die Facts?

Zu aller erst muss einmal klar gestellt werden, dass der tragische Verkehrsunfall vor einigen Wochen nichts mit Geocaching an sich zu tun hat. So schlimm es klingt, aber das hätte anderswo und in einem anderen Kontext auch passieren können. Dass dieser Unfall justament zwei bekannten Cachern passiert ist als diese unterwegs nach Hause von ihrer Suche waren, kann mit der Sportart Geocaching nicht in Verbindung gebracht werden. In manchen Medien wurde aber genau das getan. Die Überschriften und Inhalte der betreffenden Artikel machten so aus einem tragischen Verkehrsunfall zu aller erst einen tragischen Unfall von Geocachern. Der Eindruck wurde vermittelt, dass Geocacher besonders risikoreiche Zeitgenossen sind. Natürlich wehrte sich die österreichische Community gegen diese Darstellung, was aber an der bereits erfolgten Darstellung nichts änderte.

Der jüngste Vorfall in einem der Linzer Stollen dagegen ist sehr wohl mit der Sportart in Verbindung zu bringen. Zwei erfahrene Schnitzeljäger wollten in ebendiesem einen Peilsender – einen Chirp – anbringen. Dabei stürzte einer von der mitgebrachten Leiter ab, und fiel derart unglücklich hin, dass er sich schwer verletzte. Sofort war der Aufhänger für einige Zeitungen gefunden: Geocaching ist in der Darstellung an der Verletzung schuld. Das wäre wohl genauso, wie wenn man Kirschen oder Äpfel für die Verletzten beim Ernten eben dieser verantwortlich machen würde. Natürlich, der Unfall steht im kausalen Zusammenhang mit dem Hobby, aber ist deswegen eine ganze Sportart zu hinterfragen und in ein schiefes licht zu rücken? Dazu sollte man am Besten einen Blick auf die Statistik werfen: jährlich verunglücken auf Österreichs Schipisten beim Nationalsport Nummer Eins mehr als 40.000 Personen. Beim Mountainbiken sind es auch ca. 6.300 Verletzte, die es Jahr für Jahr zu beklagen gibt. Insgesamt gab es 2010 laut Statistiken der Versicherer ca. 610.000 Unfälle in der Freizeit, davon fast 2.500 mit lethalem Ausgang. Es zählen hier Unfälle von Geocachern beim Ausüben ihres Hobbies mit dazu, aber angesichts der Zahlen und Fakten beim Schifahren oder Mountainbiken ist die Gleichung „Geocaching = Risiko = Verletzung“ unzulässig.

Warum also eine derartige Berichterstattung? Nun, Geocaching ist ein vergleichsweise neuer Sport. Seit gut 11 Jahren gehen von Jahr zu Jahr mehr Menschen mit einem GPS „bewaffnet“ auf die Suche nach Dosen (aktuell sind es in Österreich gut 20.000), und erkunden so ihre Umwelt und Umgebung. Geocache-DoseFür viele Mitmenschen – und natürlich Medien – ist das Ganze immer noch eine Spinnerei, die für viele anfangs nicht durchschaubar ist. Schnell entstehen Vorurteile und Mythen rund um die modernen Schnitzel- und Schatzjäger. Gleichzeitig suchen aber unsere Medien beständig nach einem Knaller, einer Headline, die es in sich hat. Den Leserinnen und Lesern soll ja auch etwas geboten werden. In diesem Zusammenhang bietet es sich natürlich an, etwas Neues vermeintlich kritisch zu beäugen und darüber zu berichten. Dass dabei eine einseitige und für viele tendentiöse Berichterstattung „passiert“ ist wohl auch „Part of the Game“. Andererseits haben in den letzten Jahren viele Journalisten Geocaching selbst ausprobiert, und sind allesamt seither begeistert vom Familiensport.

Familiensport Geocaching? Die vielzitierte „moderne Schnitzeljagd“ ist eigentlich ein Familiensport. Die weitaus meisten Verstecke in Österreich (und derer gibt es mit Stichtag 24.11.2011 21.849 in unserem Land) liegen an Stellen, die jeder ohne Risiko erreichen kann. Natürlich gibt es auch besondere Verstecke, bei denen besondere Ausrüstung dazu gehört und man auch wissen sollte wie mit dieser umzugehen ist. Aber der Anteil dieser Geocaches ist im einstelligen Prozentbereich. Erfahrene Cacher wissen wie weit sie gehen sollen und können. Die meisten Finder solcher Verstecke sind über das Klettern oder Bergsteigen zum Cachen gekommen – also entsprechend geübt oder haben sich entsprechend trainieren und einweisen lassen.

Es bleibt also zu hoffen, dass sich die Berichterstattung dahin bewegt, wo sie hingehört – auf den Boden der realität. Geocacher sind Menschen wie alle anderen auch, nicht risikofreudiger als alle anderen. Für die meisten ist dieses Hobby ein perfekter Ausgleich zum stressigen Alltag: viele erforschen bei ihrer Dosensuche die eigene Umgebung, und entdecken diese dabei neu; Kinder werden durch die spannende Suche nach Verstecken endlich wieder animiert die Spielkonsolen links liegen zu lassen, und statt stupide in den Monitor oder TV zu glotzen sich draussen zu betätigen. Es wäre schön, wenn Medien auch über das berichten würden, anstatt ihre Schlagzeilen mit Vorurteilen gegenüber einem für viele unbekannten Sport/Hobby aufzufetten.

Für alle, die es interessiert gibt es auf der „Reviewer-Website“ (ein Reviewer ist jemand, der Geocaches bevor diese veröffentlicht werden auf ihre Regelkonformität kontrolliert) zum obigen Thema auch eine Stellungnahme der österreichischen Geocaching Community.