Tekkie-Kids: ab wann ist Technik für Kinder sinnvoll?

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Heutzutage fangen Kinder sehr früh mit Technik an und es wird in vielen Schulen auch ermutigt (Bild: „student_ipad_school – 024“ von Brad Flickinger, Lizenz: CC BY 2.0)

Technik für Kinder: das ist eine ganz neue Sparte geworden, auf die viele Hersteller eingehen möchten. Macht das aber Sinn oder sind Kids überfordert?

Veränderte Gesellschaft führt zu veränderter Techniknutzung

Eine Szene, wie sie in jeder größeren und kleineren Stadt vorkommen könnte: Mami möchte ihren Sprössling in die Kita bringen und organisiert, den Filius an der rechten Hand, im wahrsten Sinne des Wortes mit links den Frisörtermin, bestellt neue Matsch-Spielhosen für den Sohnemann und bestätigt das Meeting am Nachmittag. Geht ja alles ganz einfach per Smartphone – einhändig sogar, aber im einhändigen Tun sind Mütter ja ohnehin die wahren Meister.

Mit diesem Bild wachsen Kinder von heute auf: wir Erwachsenen, wir Vorbilder, haben ständig irgendein Gerät in der Hand, organisieren und managen oder quatschen und posten einfach mal ganz banal. Der Sprössling sagt was Lustiges, was prompt auf Facebook landet, im Eltern-Hilfs-Chat werden von A wie Ausschlag bis Z wie zerrüttete Ehe sämtliche Themen diskutiert und wenn wir etwas nicht verstehen oder kennen, holen wir Rat bei der Suchmaschine unseres Vertrauens.

Unsere Gesellschaft hat sich verändert, sie ist nicht mehr vergleichbar mit der Gesellschaft, in der wir, die Generation heutiger Eltern, aufgewachsen sind. Dementsprechend verändert sich auch die Techniknutzung.

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Augenärzte warnen vor häufigerer Kurzsichtigkeit bei Kindern wegen zu viel Smartphone und PC-Nutzung(Bild: „Working mom“ von Ran Zwigenberg, Lizenz: CC BY 2.0)

Irgendwann kommt der Augenblick, in dem Eltern die Überlegung anstellen, Technik für Kinder anzuschaffen: ein erster Fernseher im Kinderzimmer, ein einfaches Handy, um im Fall eines Falles erreichbar zu sein, das eigene Notebook, um die Fotos, die mit der Handy-Cam geschossen wurden, auch mal zu sichern – eines kommt zum anderen.

Was bei uns Erwachsenen völlig normal geworden ist, stellt Eltern jedoch vor ein Rätsel: ab wann ist Technik für Kinder sinnvoll? Gibt es eine Altersgrenze? Mutiert der Nachwuchs zu reinen Tekkie-Kids? Und – wäre das so schlimm?

Digital Immigrants sollen Digital Natives erziehen?

Seien wir ehrlich: wir Erwachsenen sind zu einem sehr großen Teil lediglich „Digital Immigrants“, wir sind noch untechnologisierter aufgewachsen und ziehen Kinder in einer technologisierten Welt auf – sie sind die Digital Natives.

Digitale Medien gehören zur Lebensrealität eines jeden Kindes, das heute geboren wird, während wir lediglich Zuwanderer in dieser neuen, technischen Welt sind

– und genau das erklärt auch die Unsicherheit bis Angst, die Eltern spüren, wenn die Tekkie-Kids Smartphone & Co. zu „brauchen“ scheinen.

Kind mit ipad

Für die Kinder der heutigen Zeit ist es wahrscheinlich unvorstellbar, wie ein Alltag ohne digitale Medien in früheren Zeiten ausgesehen haben könnte (Bild: „IPad´ler“ von Mario Spann, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Nun sollen wir Zuwanderer also die Digital Natives zu einem sinnvollen Medienumgang erziehen. Dabei sind nicht wenige Grundschulkinder ihren Eltern im Umgang mit Smartphone und Tablet längst voraus. Betrachten wir es ganz nüchtern: um unsere Kinder brauchen wir uns weniger Sorgen zu machen. Um unsere „Digital Immigrants“ jedoch schon irgendwie.

Es stellt sich nämlich weniger die Frage, ab wann Technik für Kinder sinnvoll ist. Vielmehr sollten wir fragen: wie helfe ich meinem Kind, Technik sinnvoll anzuwenden? Und wie führe ich mein Kind dahin, Technik sinnvoll anwenden zu können? Diese Fragestellungen zeigen bereits: um Medienkompetenz zu lehren, ist Medienkompetenz gefragt.

Einige Anhaltspunkte können Eltern bereits im Web recherchieren. Die Initiative „Schau hin!“ etwa ist ein Zusammenschluss des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der Programmzeitschrift TV SPIELFILM und den beiden Sendern Das Erste und ZDF. Mehr als 60 Initiativen und Organisationen wie Pädagogen und Kinderärzte kooperieren mit dem Portal, um Eltern Wissen zur Medienerziehung zugänglich zu machen. Die Initiative „Schau hin!“ empfindet die folgenden Bildschirmzeiten für angemessen:

  • Kinder bis fünf Jahre: eine halbe Stunde täglich
  • Kinder bis neun Jahre: bis zu einer Stunde täglich
  • Kinder ab zehn Jahren: bis zu neun Stunden wöchentlich

Das sind Richtwerte, an die sich Eltern halten können. Individuelle Abweichungen aufgrund besonderer Gegebenheiten können Eltern gerne mit einplanen: zur Weihnachtszeit hält das Fernsehprogramm oft bunte, kindgerechte Extras bereit.

Möchte der siebenjährige Sprössling das Märchen „Das letzte Einhorn“ mit seinen 89 Filmminuten gucken, muss der Film nicht unterbrochen und der zweite Teil auf den Folgetag geschoben werden, nur weil die Initiative das so rät. Oder hat sich das Kind beim Krackseln auf Bäumen ein Bein gebrochen, darf man ebenfalls etwas über die Empfehlungen hinausgehen. Behandelt eure Kinder als Individueen – Eltern haben doch häufig ein gutes Bauchgefühl für das Zuviel oder auch Zuwenig.

Das bedeutet auch: so ein Wochenkontingent an TV- oder PC-Stunden macht insbesondere bei älteren Kindern Sinn. So haben die Kinder die Möglichkeit, eigenverantwortlich mit dem Kontingent umzugehen, es sich einzuteilen und „anzusparen“ – vielleicht für den Zweiteiler, der am Wochenende im Fernsehen kommt. Je älter bzw. reifer ein Kind ist, umso mehr Freude hat es an solchen „Deals“.

Technik für Kinder: verteufeln ist so unsinnig!

Ab wann dürfen Kinder mit Technik umgehen? – Eine einzige Frage, auf die zehn verschiedene Experten mindestens fünfzig verschiedene Antworten haben dürften. Nehmen wir Apps als Beispiel: „Schau hin!“-Pädagogin Kristin Langer findet:

„Manche Kinder unter drei Jahren können die oft schnellen und lauten Anwendungen überfordern.“ Der Mittfünfziger Manfred Spitzer, Neurowissenschaftler, Professor und Autor, ist deutlich radikaler: „Meine Empfehlung an die Eltern ist ganz klar: Beschränkung. Je später die Kinder damit anfangen, desto besser ist es.“

Spitzer mahnt, dass es erst „zwischen 15 und 18 Jahren“ Zeit fürs erste Tablet und damit auch für Apps ist.

Eltern befinden sich mit all diesen Expertentipps zwischen erhobenem Zeigefinger und Panikmache – irgendwo zwischen Baum und Borke. Und was fehlt? Das eigene Bauchgefühl. Spulen wir noch mal zurück zum Absatz

„Veränderte Gesellschaft führt zu veränderter Techniknutzung“:

wenn Mutter und/ oder Vater quasi ganztags mit Smartphone, Tablet, Rechner, Fernseher und womöglich diversen Wearables umgehen, kann und darf es nicht sein, dass man das Interesse des Sprösslings mit „Wenn du älter bist“ abtut. Das wäre ungesund!

Regeln regeln den Gebrauch der Technik für Kinder

Gesund hingegen ist ein sinnvoller Umgang mit Technik. Klar kann man sich an Richtwerten von Pädagogen oder anderen Experten orientieren. Die Persönlichkeit des eigenen Kindes sowie das Umfeld, in dem es aufwächst, spielen jedoch extrem mit hinein. Der „Zombie-Effekt“, wie Pädagogen den nicht mehr ansprechbaren Zustand eines in einen Monitor starrenden Kindes bezeichnen, ist kein neues Phänomen: den gab es auch schon zu Zeiten, in denen Fernsehen noch schwarz-weiß war. Was hat denn bereits damals geholfen, was heute ebenfalls helfen könnte? Richtig – die Gemeinsamkeit, das Miteinander.

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Kinder schauen sich beim Spielen gegenseitig und holen sich bei anderen Ideen. Sie lernen voneinander. (Bild: Public Domain Image, Lizenz: Gemeinfrei)

Wenn Eltern das iPad nicht als Babysitter verstehen, wenn sich Eltern zusammen mit ihren Tekkie-Kids hinsetzen, um beispielsweise animierte Bücher vorzulesen, dann ist das sehr sinnvolle Technik für Kinder. Inaktive Apps schulen sogar die Motorik der Jüngsten: „Mensch, ärgere dich nicht“ und viele andere Spieleklassiker sind lediglich vom Spielbrett auf den Monitor gerutscht und sind weit davon entfernt, die „Jugend von heute“ zu verderben. Mit einigen Tipps können Eltern ihre Tekkie-Kids zu medienkompetenten Digital Natives erziehen:

  • informieren, fragen, sprechen: Verbote bringen rein gar nichts! Wenn der Filius seine Neugierde nicht daheim ausleben darf, macht er es bei Freunden – und zwar, ohne dass die Eltern daneben sitzen und nachvollziehen können, was das Kind da macht. Anstatt also sinnloser Weise zu verbieten, gilt es, aufzuklären. Tauscht euch mit euren Kindern über die Gefahren und Risiken aus, natürlich genauso über die Vorteile des jeweiligen Mediums. Zum Beispiel: das Internet kann Wissen vermitteln, birgt jedoch auch Risiko XY. Wenn du als „Digital Immigrant“ mal nicht weiter weißt, hole dir Rat und kläre dein Kind ebenfalls entsprechend auf.
  • Vertrag aufstellen: Kinder fühlen sich ernst genommen, wenn sich Rechte und Pflichten abwechseln. Und sie werden in Verantwortung geschult, wenn sie Rechte und Pflichten in ihrem Alltag haben. Das bietet sich auch für die Technik an: In Nutzungsverträgen lassen sich Regeln festlegen, jedoch auch Konsequenzen bei Nichteinhaltung. So könnte eine Regel lauten: „Schreibt mir jemand eine Nachricht mit Inhalten, die mir unangenehm sind oder mich beleidigen, ignoriere ich das und gebe meinen Eltern zügig Bescheid“. Die passende Gegenregel für die Eltern wäre: „Wir vertrauen unserem Kind und respektieren seine Privatsphäre. Deshalb lesen wir keine Nachrichten, es sei denn, unser Kind bittet uns darum.“ Sowohl für das Kind als auch für die Eltern wäre eine denkbare Konsequenz bei Nichteinhaltung, den Abspül- oder sonstige Hausarbeits-Dienste des jeweils anderen Parts mit zu übernehmen. So lernen Kinder nicht nur, dass Rechte und Pflichten für alle gelten, sondern auch, dass jede Handlung und jede Nicht-Handlung Konsequenzen nach sich zieht – auch für uns Erwachsene! Tipp: auf mediennutzungsvertrag.de kannst du solche Nutzungsverträge direkt online erstellen und dein Kind digital mit in die Vertragserstellung einbeziehen.
  • miteinander entdecken: das 1,5-stündige Weihnachtsmärchen, das neue Smartphone oder der erste eigene PC – überall gilt, dass Eltern ihre Tekkie-Kids idealerweise so lange begleiten, bis die Kinder sicher im Umgang mit dem Medium sind. Praktischer Weise lernen Eltern hierbei gleich dazu, denn sie müssen sich an die Technik ebenfalls erst rantasten. So passiert es dann ab einem bestimmten Alter, dass sich das Lernen umdrehen kann: irgendwann versteht es der Sprössling besser als seine Eltern und erklärt dann ihnen die neue, digitale Welt. Bis es soweit ist, informiert euch bitte ausgiebig und leitet eure Kinder solange an, bis sie sicher sind.
  • vorleben: das ist der wohl wichtigste Punkt: eine Mutter, die 24 Stunden am Tag das Smartphone in der Hand hält und zwischendurch noch fernsieht, wirkt alles andere als authentisch, wenn sie ihrem Kind das Handy aus der Hand reißt und behauptet, es nutze das Gerät viel zu häufig. Beobachte also deinen eigenen Umgang mit der Technik und leite auch daraus Regeln für Kinder ab. Die Erwartungen, die Eltern an ihre Kinder stellen, sollten sie selbst schon erfüllen können, sonst wird das nichts.

Hintergrundwissen schult Kompetenz

Wir sind übrigens der Überzeugung: nur anzuwenden genügt nicht. Kinder sind natürlich neugierig – eine Eigenschaft, die mit steigendem Lebensalter in Unlust oder gar Angst umschlägt. Nutzen wir doch die Neugierde der Kinder und zeigen ihnen die Dinge hinter den Dingen! Wenn dein Kind möglichst viel über GPS-Technologie gelernt hat, wird es wissen, wie leicht es trackbar ist – und entsprechend agieren. Wenn dein Kind gelernt hat, wo seine Daten landen, nachdem es sich bei Facebook angemeldet hat, wenn es weiß, dass eingegebene Daten eben nicht lokal auf dem Rechner lagern, wird es anders mit diesen Daten umgehen.

Nun wird eben dieses Hintergrundwissen selten bis gar nicht in der Schule vermittelt, wir besitzen es auch nur bedingt. Es lohnt sich, einen Blick in die verschiedenen Experimentier- und Lernpakete zu werfen, die der Markt bietet, beispielsweise vom Franzis Verlag. Das für Kinder ab 14 Jahre geeignete Raspberry Pi-Lernpaket etwa zeigt Eltern und Kindern zusammen in 20 Selbstbauprojekten, wie die Technik, die in dem Einplatiner steckt, arbeitet. Das fördert und fordert nicht nur Hintergrundwissen, sondern schult auch die Motorik und das generelle Verständnis. Der Markt bietet heute enorm viel Lernmaterial, das Hintergrundwissen zu alltäglichen Anwendungen vertieft.

Kinder sind als Zielgruppe aus einer Nische direkt in den Mittelpunkt getreten. Das ist sehr gut so, denn so agieren die Entwickler von morgen schon heute wesentlich kompetenter als wir vor 30 Jahren. Was denkst du:

Gibt es ein Zu-früh für Kinder? Ist Technik für Kinder generell zu verteufeln oder zu beklatschen? Wie regelst du es, wenn der Nachwuchs unbedingt ein Smartphone möchte? Fühlst du dich medienkompetent genug, um Medienkompetenz zu lehren?

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