Smartphones für Kinder – Fluch oder Segen?

Im Technik-Zeitalter gehören Smartphones auch für Kinder zur üblichen Medienausstattung.

Im Technik-Zeitalter gehören Smartphones auch für Kinder zur üblichen Medienausstattung. (Bild: „Hiding place“ von Hernán Piñera, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Smartphones in Kinderhänden fördern Medienkompetenz, meint Conrad-Blogger Alex. Bloggerin Bianca sieht Überforderung bei Kindern mit Smartphones. Smartphones für Kinder – ja oder nein? Diskutiert gerne mit! 

„Die gucken ja nicht mal mehr nach vorne.“

Bianca: Neulich in Hamburg: eine gehetzte Mama mit ihrem vielleicht 7-jährigen Sprössling. Seine Nase presst sich ins Smartphone. Die Bordsteinkante konnte der Filius so nicht sehen – zack, beinahe kam es zum Unfall. Dieses Suchtpotenzial, was dazu führt, dass Kids nicht mal mehr nach vorne gucken – soll ich das gutheißen? Kinder ersetzen soziale Kontakte durch virtuelle. Das Thema digitale Vereinsamung geistert doch durch alle Medien, das kannst du nicht leugnen, Alex. Freundschaften kratzen nur noch an der Oberfläche, oder bist du in der Lage, massenhafte Kontakte zu pflegen?

„Digitale Vereinsamung ist Unsinn.“

Alex: Ja, ja, das Bild vom „Smartphone-Zombie“ auf der Straße dürfte allen sehr bekannt sein. Aber die digitale Vereinsamung ist der letzte Unsinn! Du scherst zwei Punkte über einen Kamm: Suchtpotenzial existiert. Das abzustreiten, wäre genauso unsinnig. Dennoch pflegen Kinder auch Freundschaften in der „realen Welt“ – tiefe, echte Freundschaften. Denke mal ein bisschen zurück: unsere Elterngeneration ist auch nicht vereinsamt, als das Telefon in den Alltag einzog. Und unsere Generation ist nicht einsamer, weil wir Mobiltelefone haben. Ich sehe sogar das Gegenteil: wir verknüpfen uns stärker denn je. Kinder und Jugendliche nutzen Messenger-Apps, um in Kontakt zu bleiben und sich zu verabreden. Wenn du einem Kind das Smartphone vorenthältst und ihm damit den Weg sperrst, so zu kommunizieren, dann entsteht Vereinsamung. Aber doch nicht, wenn Eltern ihr Kind daran teilhaben lassen.

Bianca: Wie du meinst. Wenn jedoch jedes Kind mit Smartphone vor der Nase rumläuft, kommen da auch Inhalte vor die Augen, die nicht für Kinder bestimmt sind. Ich will ja nicht den Zeigefinger erheben. Aber welche Eltern hätten die Zeit, 24 Stunden zu gucken, was der Nachwuchs mit dem Smartphone treibt?

„Die Eltern haben keine grundsätzliche Medienkompetenz.“

Alex: Und du glaubst, diese Inhalte gehen weg, wenn du Kindern Smartphones verbietest? Augen verschließen (oder sie den Kindern zuhalten) funktioniert nicht. Irgendwer kennt irgendwen, der trotzdem Zugang zu solchen Inhalten hat. Kinder sind nun mal neugierig. Mag schwer zu akzeptieren sein, aber daran, dass die Gefahr da ist, änderst du nichts. Es darf nicht zuviel verlangt sein, dass Eltern hier erzieherische Aufgaben übernehmen. Heißt: sie müssen dem Kind vermitteln, dass es in der Welt Dinge gibt, die es heute noch nicht verstehen kann und die nicht gut für es sind. Das Kind ist dann vorbereitet und kann selbst eine Grenze ziehen, wenn Freunde solche Inhalte herumzeigen. Ich habe zwar keine Kinder, aber ich war selbst mal eines und in meinem Freundes- und Bekanntenkreis klappt das.

Bianca: Ich habe auch keine Kinder, sehe aber im Freundeskreis, dass Kinder selbst keine Grenzen ziehen können. Entweder weil sie schlichtweg nicht reif genug dafür sind oder weil sie unter enormen Druck aus der Gruppe stehen: „Weichei, wer sich das nicht anschauen kann!“ – Stempel drauf und fertig! Dein zweiter Denkfehler: du unterstellst Eltern grundsätzlich Medienkompetenz. Unsere Generation ist doch selbst nicht mit all der Technik groß geworden. Woher sollen Eltern das können? Wie nachprüfen, wenn sie es selbst nicht verstehen? Und dann flattert Post vom Anwalt ins Haus und die Eltern werden für irgendwas haftbar gemacht, was der Sprössling verzapft hat. Sehr kompetent! Bei Urheberrecht und Co. blickt doch niemand durch. Dem Kind kann man nichts vorwerfen.

Kinder sind in vielen Situation sehr ihr in Smartphone vertieft, zum Beispiel während Wartezeiten.

Kinder sind in vielen Situation sehr ihr in Smartphone vertieft, zum Beispiel während Wartezeiten. (Bild: „Sjoerd Lammers street photography“ von Sjoerd Lammers, Lizenz: CC BY 2.0)

„Wir sehen immer nur Extrembeispiele.“

Alex: Das ist sehr übertrieben. Wir sehen in den Medien immer nur Extrembeispiele. Zwar sind nicht alle Eltern gute Vorbilder und kennen sich genug mit Smartphones, Apps und dem Internet aus, aber die Masse ist das nicht. Wenn du solche Erfahrungen in deinem Freundeskreis gesammelt hast, solltest du anfangen, den mal aufzuklären. Und aufhören, daraus Regeln für alle abzuleiten. Viele Dinge in unserem Leben bringen Gefahren mit sich. Wenn wir Auto fahren, nutzen wir beispielsweise den Vorteil des schnellen, individuellen Transports. Zugleich haben wir die sehr reale Gefahr, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden. Schaffst du jetzt dein Auto ab? Beim Smartphone in Kinderhänden ist das ähnlich: es gibt ganz reale Gefahren. Die brechen aber nicht wie eine Naturgewalt über uns herein. Durch unser eigenes Verhalten können Gefahren zumindest minimiert werden.

Bianca: Du ziehst Autofahren als Vergleich heran? Etwas, das man erst ab einem bestimmten Alter darf, eben weil diese Gefahren existieren? Anfangs können Jugendliche nur in Begleitung Erwachsener Autofahren, später erst allein. Wenn wir das auch beim Smartphone so machen: okay. Dann bin ich aber bei Erwachsenen auch für eine Smartphone- oder Medienkompetenz-Lizenz, ähnlich wie der Führerschein.

Smartphones bringen nicht nur Gefahren, sondern auch viele Vorteile - auch für Kinder - mit sich.

Smartphones bringen nicht nur Gefahren, sondern auch viele Vorteile – auch für Kinder – mit sich. (Bild: „Budding Photographer“ von Dinuraj K, Lizenz: CC BY 2.0)

„Smartphones werden schnell zur Schuldenfalle“

Bianca: Noch mal zum Geld: der Filius kann mal eben ein paar hundert Euro in Apps, In-App-Käufe oder SMS investieren. Was dann? So werden Smartphones schnell zur Schuldenfalle. App-Stores und Entwickler haben doch nur ihren Verdienst im Kopf. Die Eltern bleiben dann auf einem Berg von Kosten sitzen, weil der Sprössling zu viel gedaddelt hat.

Alex: Ach was, das war mal so. Aber da haben Apple, Google und Co. längst drauf reagiert. Inzwischen wird man aktiv vor die Wahl gestellt, ob man für jeden In-App-Kauf das Passwort eingeben muss. Früher hatte man nach einem Kauf 15 Minuten Zeit für weitere Käufe – ohne nochmalige Nachfrage. Das war als Komfortfunktion gedacht, führt aber genau zu solchen Situationen. Die Anbieter von Smartphones und Tablets arbeiten daran, dass Eltern ihren Kindern die Geräte anvertrauen können.

Bianca: Oh ja, ein Passwort schützt natürlich ungemein … Kinder können komplexe Geräte bedienen, aber die Passwort-Sperre soll eine Hürde sein? Sehe ich nicht.

Passwörter können helfen, damit beim Benutzen des Smartphones keine hohen Kosten entstehen.

Passwörter können helfen, damit während dem Nutzen des Smartphones keine hohen Kosten entstehen. (Bild: „Euro“ von Kārlis Dambrāns, Lizenz: CC BY 2.0)

„Smartphones, Tablets, Computer, das Internet – diese Dinge prägen unseren Alltag“

Bianca: Schau auch mal auf den Statusfaktor, der spielt bei vielen eine immens große Rolle. Und nun stell dir mal vor, was passiert, wenn in einer Klasse voller iPhone-Kids ein Kind dabei ist, das ein Billig-Smartphone – oder, Gott bewahre, gar kein Smartphone! – besitzt. Einfach, weil das für die Familie unbezahlbar ist. Die Hänseleien möchte ich nicht erleben! Die Psyche des Kindes kann mehr als angeknackst werden. Wenn kein Kind in der Schule ein Smartphone besitzt, besteht dieses Mobbing-Risiko nicht. Es würde auch nicht zum Außenseiter werden, wenn sich alle anderen via WhatsApp verabreden. Kein Smartphone macht da „gleicher“. Kein Kind hätte einen Nachteil. Warum sich nicht über das gute alte Telefon verabreden? Hat doch vor 25 Jahren auch geklappt.

Alex: Und davor ist man vorbeigegangen und hat geschaut, ob die Freunde da sind. Und wieder davor hat man in Höhlen gemalt. Du kannst das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Smartphones, Tablets, Computer, das Internet – diese Dinge prägen unseren Alltag. Sie sind wichtig, um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden. Und eine Sache ignorierst du vollkommen: Apps und das Internet sind nicht per se böse. Du kannst beides auch nützlich einsetzen. Ich hätte als Schüler gejubelt, hätte ich solche Lerntools und Informationsmöglichkeiten gehabt. Als Bücherwurm war ich Stammgast in der Bibliothek. Heute kann ich sofort und jederzeit über alle Themen etwas lernen. Und das sogar kostenlos wie bei Khan Academy. Oder eben für vergleichsweise wenig Geld. Willst du Kindern solche Möglichkeiten wegnehmen?

Das Smartphone ist in der heutigen Jugend fast immer ständiger Begleiter.

Das Smartphone ist in der heutigen Jugend fast immer ständiger Begleiter. (Bild: „Analog and Digital VOL. Entertainment“ von Guian Bolisay, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

„Die Unerfahrenheit von Kindern wird von manchen gezielt ausgenutzt“

Bianca: Natürlich nicht, aber solche Lernmöglichkeiten sind auch am Rechner verfügbar, dafür brauche ich dem Zwerg kein Smartphone kaufen. Denk doch auch mal an den laxen Umgang mit eigenen Daten und fremden Kontakten. Gab es doch schon, dass Kriminelle die fehlende Medienkompetenz von Kindern ausgenutzt haben. Brauche ich nicht näher ausführen; Kinder können via Smartphone schneller und einfacher auf die falschen Leute treffen. Das kann ganz böse ausgehen! Oder schau dir Mutproben an: ein Kind wird erst dann in einer Gruppe aufgenommen, wenn es sich etwas Besonderes traut. Da ist das Springen aus luftiger Höhe mit anschließendem Beinbruch und einem neuen, via Smartphone aufgezeichneten YouTube-Video noch ein harmloses Szenario.

Alex: Klar, aber Kinder können auch am Rechner Dummheiten machen. Die Unerfahrenheit von Kindern wird von manchen gezielt ausgenutzt. Das passiert aber am PC genauso wie am Smartphone. Eine reale Gefahr! Falsche Vorbilder sind auch enorm schnell zur Hand. Oder Kinder werden öffentlich bloßgestellt. Solche Probleme haben durchs Digitale an Brisanz gewonnen. Andererseits bin ich schon von meinen Eltern gewarnt worden, Fremden nicht zu vertrauen. Das ist halt heute wichtiger geworden. Ebenso die Problematik mit Gruppenzwang, Mutproben und ähnlichen Dingen.

Eine Möglichkeit für Eltern ihr Kind zu schützen ist, offen über Gefahren bei Smartphones zu reden.

Eine Möglichkeit für Eltern ihr Kind zu schützen ist, offen über Gefahren bei Smartphones zu reden. (Bild: „All about smartphones“ von Denis Dervisevic, Lizenz: CC BY 2.0)

„Überforderung? Smartphones haben Knöpfe zum Leisemachen und Ausschalten!“

Bianca: Nun sind Smartphones deutlich mehr als eine Möglichkeit zum Telefonieren und SMS schreiben. Ich denke, die mit Technik vollgestopften Alleskönner überfordern Kinder. Nicht nur von ihren technischen Möglichkeiten. Auch durch den Immer-on-Status: irgendwas piepst, brummt, klingelt oder vibriert immer. Das war es dann mit der Konzentration des Kindes. Phasen der Entspannung? Fehlanzeige!

Alex: Na ja, dem ist man nicht willenlos ausgesetzt. Smartphones haben Knöpfe zum Leisemachen und Ausschalten. Schön und gut, aber dann kommt eine WhatsApp-Nachricht und da das Smartphone in der Ruhepause aus ist, ist das Kind draußen, weil es nicht schnell genug geantwortet hat. Sozialer Druck mit Suchtpotenzial. Würde ich meinem Kind nicht antun wollen. Dann hätte dein Kind auch die falschen Freunde. Eltern müssen bewusst mit diesen Dingen umgehen. Vorbilder sein. Kindern vermitteln können, warum Ruhepausen wichtig sind.

Eltern können mitbestimmen, wann das Smartphone genutzt wird.

Eltern können mitbestimmen, wann das Smartphone genutzt wird. (Bild: „Sisters on the Phone“ von Randen Pederson, Lizenz: CC BY 2.0)

Bianca: Vorbilder? Ich bitte dich – guck doch mal raus: zahlreiche Eltern, die mit dem Smartphone am Ohr oder vor der Nase ähnlich ins Straucheln geraten, wie der eingangs beschriebene Junge.

Alex: Zugegeben: Das ist eine Sache, die viele Erwachsene selbst noch lernen müssen. Aber es geht! Und je früher man das lernt, umso besser. Insofern sehe ich das nicht als Gefahr für Kinder. Ich sehe es vielmehr als Chance, so früh wie möglich den besten Umgang damit zu lernen.

Nach der Diskussion über Smartphones für Kinder zeigen wir euch nun im Artikel „Smartphones für Kinder – Worauf muss ich achten?“ mit welchen Kniffen das Smartphone in Kinderhänden vom Fluch zum Segen wird.



Sag uns deine Meinung!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.