Skurriler HiFi-Voodoo – es begann mit einem Aprilscherz

Alles begann in den 80ern mit einem grünen Filzstift, dem Edding 800. Wenn man damit den inneren und äußeren Rand einer CD bemale, sollte die CD deutlich besser klingen. Und bis heute bepinseln audiophile Nerds ihre CDs. Inzwischen behaupten viele, der schwarze Edding 500 sei besser. Dabei war die Sache mit dem Edding damals nur ein Aprilscherz…

Der Edding 800

Eine Theorie war leicht konstruiert: Der Farbauftrag schlucke das „verirrte“ Streulicht vom Laserstrahl, der die CD abtastet. Diese Irrlichter würden sonst endlos durch die CD geistern und die Leseoptik verwirren. Die Musik werde davon matt und fahl. “Der Auslöser für diesen Unsinn war nachweislich ein Aprilscherz”, sagt Thomas Sporer vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie in Ilmenau. “In Wahrheit klingt eine CD, solange man sie nur pfleglich behandelt, immer gleich.”

Nichts desto Trotz: Wem der Edding zu trivial ist, dem bietet ein schwäbischer Erfinder Abhilfe. Sein “CD Sound Improver” (für schlappe 460 Euro) schneidet ringsum die Kante der CD schräg an – das soll das Streulicht zuverlässig exorzieren.

HiFi-Freaks sind auf der Jagd nach höchstem Hörgenuss oft empfänglich für teuren Voodoo: Lufttuning, Klangschalen und unverfälschten Strom.

Ein blühender Markt für Zaubertechnik aller Art ist entstanden, die angeblich den Klang erfrischt oder irgendwie luftiger macht. Dummes Zeug, finden die meisten Musikfreunde. Und manch einer fügt hinzu: „Aber es wirkt.“ Dieser Satz fällt verdächtig oft, wenn der Sprechende zusätzlich eine möglichst teure HiFi-Anlage besitzt.

Ein weiterer skurriler Einfall besagt, dass man eine CD zunächst einfrieren und dann langsam auftauen sollte, um dem größtmöglichen Musikgenuss frönen zu können. Aber das funktioniert natürlich nur dann, wenn die CD mittels Kühltasche und Kühlakkus über 4 Tage hinweg wirklich SEHR langsam auftaut. Vorteil dieser Prozedur: Sie kostet wenigstens nichts…

Es gibt Klang-Nerds, die schwören auf den gehörfreundlichen “C37″-Lack eines Tiroler Geigenbauers. Und sie bepinseln damit Platinen samt Elektronik, CD-Schubladen oder gar Stromkabel. Ganz schlaue Klangfanatiker betten ihre Lautsprecherkabel auf eine Reihe von Podesten aus feinem Porzellan (300 Euro im Achter-Set), damit die Leitungen nur ja den Fußboden nicht berühren. Denn dort lauern, wie der wahre HiFi-Fan weiß, gefährliche Resonanzen.

CD-PlayerIst die Brieftasche gut gefüllt, dann darf es auch ein CD-Entmagnetisierer sein. Zwar sind CDs gar nicht magnetisch, aber der Glaube versetzt bekanntlich Berge – und Geld.

Oder wie wäre es mit einem Lautstärkedrehknopf aus handgeschmirgeltem Buchenholz? Eine Schweizer Firma verlangt für ein Exemplar der Marke Silver Rock – natürlich mehrfach mit „C37“-Lack veredelt – 190 Euro. Die zugehörige Regelelektronik steckt in einem Holzkästchen, das noch einmal 6300 Euro kostet. Ein echtes Schnäppchen!

Ein weiterer toller Soundverbesserer kommt aus Österreich: eine Dose namens “Raum-Animator”, die eine verbesserte Schallübertragung mittels “Luft-Tuning” verheißt. “Die Luftmoleküle”, so die spaßige Argumentation, “werden so angeordnet, dass sie besser zueinander liegen.”

Selbst der eindeutige Beweis, das wundertätige Zubehör bewirke technisch überhaupt nichts, kann einen Gläubigen nicht verdrießen: Er hört es doch. Und Fachzeitschriften hören manchmal noch viel mehr. Ein anerkanntes HiFi-Fachmagazin feierte die Klang­schälchen des Vietnamesen Franck Tchang, die in Kupfer (Stückpreis 200 Euro), Gold (900 Euro) oder Platin (1650 Euro) erhältlich sind. Wer diese Schälchen im Raum verteile, erlebe mehr “Körper” in den Singstimmen. Zwei Kupferschälchen in Wadenhöhe, und schon sollten auch die tiefen Lagen “knackiger” ertönen.

Lautsprecherkabel

Nicht immer ist Voodoo derart offensichtlich. Schon der Nutzwert der vielgerühmten (und natürlich sehr teueren) Nobelkabelgilt als fraglich. Wissenschaftliche Blindversuche ergeben immer wieder, dass sich Kabel im Klang nicht merkbar unterscheiden.

In was kann man noch investieren, wenn man all diese Zaubermittel eingesetzt hat? Den rettenden Ausweg weist die Fachpresse. Dort gilt inzwischen die Energieversorgung als bislang unterschätztes Problem. Der Strom aus der Steckdose, so heißt es nun, sei potenziell verschmutzt mit tückischen Störfrequenzen. Abhilfe sollen teure Reinigungsfilter schaffen. Zudem muss natürlich möglichst viel Strom pro Zeiteinheit zur Verfügung stehen, damit kleine Nuancen hörbar werden. Und der letzte Schrei sind Schmelzsicherungen mit Drähten aus Gold oder Silber. Die Zeitschrift “Stereo” attestiert ihnen “seidigere Mitten” sowie eine “geringere Strähnigkeit des Klangbildes”.

Fazit

Der wahre Audiophile kämpft unentwegt gegen ein ganzes Sammelsurium von Kobolden in der Elektronik: verwunschene Wirbelströme, unberechenbare Magnetfelder, geister­hafte Störwellen. Wissenschaftliche Gegenbeweise verspottet er und Nichtgläubige nennt er „Holzohren“. Er lebt ständig in der Angst vor der Unreinheit, vor dem winzigen Fehler, der sich in die teure Installation hinein schleicht und den ganzen Aufwand blamiert.

Und die Quelle an HiFi-Voodoo versiegt nie: Eine Kölner Firma bietet einen wuchtigen 8000-Watt-Generator für Audiophile an, der garantiert sauberen HiFi-Strom erzeugt.

Wer vermag da noch über Krankheitsgeplagte die Stirn runzeln, die sich von Quacksalbern Magnetarmbänder und Messingpyramiden aufschwatzen lassen?