Der Retro Trend und seine Strategie

Schallplatten haben den Retro Boom eingeleitet.

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„Zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren: Mehr Vinyl- als CD-Verkäufe“ – So titelt das Musikmagazin Rolling Stone im September 2019. Als überzeugte Platten-Hörerin sage ich: I like! Und viele andere offenbar auch: Denn ob Schallplattenspieler, Polaroid-Kamera oder Retro-Konsole – Produkte aus der „guten alten Zeit“ sind so angesagt wie lange nicht. Und es sind beileibe nicht nur die in der Vergangenheit verhafteten, nostalgischen Traditionalisten (also quasi meine Eltern), die auf Retro und Vintage stehen: Um die Hälse von hippen Touristen baumeln Leica-Sofortbild-Apparate, im Park entdeckt man Schüler mit Walkmen und Mädels hübschen ihre Füße mit den kürzlich noch als bieder gebrandmarkten Birkenstock-Sandalen auf.

Grundbedürfnis erkannt, Produkt verkauft.

Woran liegt’s? In einem Experten-Interview auf Börse Online habe ich gelesen: „Immer, wenn sich Prozesse stark beschleunigen und auch unseren Alltag verändern, neigen wir zum Rückgriff auf Altbewährtes.“ Anders gesagt: Die Schnelllebigkeit der heutigen Welt führt zu einem Bedürfnis nach Struktur und Ordnung. Dementsprechend definiert sich sogar die Generation Z nicht mehr nur über die Masse im Sinne einer „Geiz ist geil“-Mentalität, sondern strebt nach Sicherheit und Zusammengehörigkeit. Ich spüre das bei mir auch. Und so ist es (neben dem Schwelgen in schönen Erinnerungen) eben auch diese immer deutlicher werdende Rückbesinnung auf menschliche Grundbedürfnisse, die den Retro-Trend verstärkt und zur Marketing-Strategie werden lässt.

Retro gern, aber bitte bequem.

Retro hin oder her. Natürlich will heute keiner mehr auf die Innovationen und Fortschritte des digitalen Zeitalters verzichten. Deshalb steckt hinter der Vintage-Hülle der meisten Retro-Produkte modernste Technik. Wie etwa bei dem schicken Marshall Bluetooth Lautsprecher im Gitarrenverstärker-Look, oder beim neuen Soundmaster RR18: Ganz klassisch verfügt dieses Kofferradio über ein Kassettendeck mit Auto-Stopp-Funktion, besitzt aber gleichzeitig auch einen USB- und SD-Kartenslot mit Encoding-Funktion, was unter anderem Aufnahmen von Radio und Kassetten auf USB-Stick und SD-Karte möglich macht. Auch die deutsche Audio-Marke Braun feierte auf der IFA 2019 in Berlin übrigens ein Comeback: Das Retro-Design und die Klangqualität der Lautsprecher, die jetzt von der englischen Firma Pure hergestellt werden, hat allerdings ihren Preis. Von LED-Lavalampe über Sofortbildkamera bis hin zu E-Scooter im Vintage-Look: Folgendes Video zeigt, welche Retro-Produkte auf der Hightech-Messe sonst noch begeistern.

Das Nokia Klapphandy kehrt zurück!

„Ist das Kunst oder kann das weg?“ – Diese Frage mag manch Digital Native durch den Kopf schießen, dem zum ersten Mal ein Klapphandy des finnischen Herstellers Nokia in die Hände fällt. Doch wer hätte es gedacht: Er oder sie braucht für diesen Fund nicht die Schubladen von Papas altem Schreibtisch zu durchwühlen – Wer einen Blick auf das neue Feature-Phone des einstigen Vorzeige-Konzerns der Mobilfunk-Branche werfen wollte, musste einfach nur die IFA 2019 in Berlin ansteuern.

Der Retro-Boom: „Nur“ Trend oder Geschäftsmodell mit Zukunft?

Genaueres Hinschauen zeigt außerdem, dass es noch eine andere Erklärung für den Retro-Trend gibt – zumindest, was die Mobilfunk-Branche angeht: Hättet ihr’s gewusst? Laut einer aktuellen Statista-Studie ist die Zahl der Internetnutzer weltweit im Jahr 2017 auf 3,65 Milliarden gestiegen. Einer Schätzung zufolge erhöhte sich diese Zahl im Jahr 2018 erneut, und zwar auf rund 3,9 Milliarden – was einem Anteil weltweit von 58,5% entspricht. Und bereits im Jahr 2015 schrieb der Google-CEO Sundar Pichai sinngemäß in einem Blog-Post: „Wir möchten dabei helfen, eine Milliarde Inder online zu bringen und ihnen den Zugang zum World Wide Web, seinen Informationen und Chancen ermöglichen.“

Eine Milliarde potentielle Nutzer…

Doch was heißt das jetzt für die Smartphone-Hersteller? Gute Frage: Vier Jahre später, nämlich im Juli 2019, ist im Wallstreet Journal zu lesen: „Die heißesten Handys für die nächste Milliarde Nutzer weltweit werden nicht von den führenden Smartphone-Herstellern Samsung oder Apple hergestellt – tatsächlich handelt es sich nicht einmal um Smartphones.“ Denn, so die New Yorker Zeitung weiter, Millionen von Internet-Erstkonsumenten verbänden sich mit dem Internet über eine neue Generation von Geräten, die nur etwa 25 Dollar kosten und an die preiswerten Nokia-Telefone erinnern, die vor ungefähr zwei Jahrzehnten groß waren. Und weiter: „Während die weltweiten Smartphone-Verkäufe im vergangenen Jahr mit der Sättigung der Märkte zu sinken begannen, verdreifachten sich laut dem Forschungsunternehmen Counterpoint die Lieferungen von smarten Feature-Phones ab 2017 auf rund 75 Millionen. In diesem Jahr dürften rund 84 Millionen ausgeliefert werden“.

Retro auch im Bereich Fotografie im Trend.

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Einfach, aber effektiv.

Auf den Punkt gebracht: Nicht das Smartphone, sondern Phones mit smarten Features machen bei dieser neuen Zielgruppe das Rennen. Also diejenigen Geräte, die weniger als ein Smartphone leisten, aber mehr können als nur telefonieren. Somit ist es sicher nicht nur der Traditionsliebe einiger Nokia-Entwickler zuzuschreiben, dass der einstige Handy-Gigant auf diese Strategie setzt. Denn während die großen Konkurrenten diesen Trend irgendwie verpennt haben, ist man laut eigener Aussage Marktführer im Bereich Feature-Phones. Juho Sarvikas, Chief Product Officer vom finnischen Unternehmen HMD Global, das heute die Produkte der Marke Nokia entwickelt und vermarktet, in einer aktuellen Pressemitteilung: „Unsere neuen Nokia Feature Phones erweitern unser Portfolio, um völlig neue Zielgruppen zu erreichen und bieten Zugang zu den neuesten Funktionen und Netzwerken in einem zuverlässigen, vertrauten Nokia Telefonpaket.“

Klapp-Klassiker mit 4G- und AI-Unterstützung

Aber was kann das Nokia 2720 jetzt eigentlich tatsächlich? Die Neuentwicklung kommt im vertrauten Flip-Phone-Design und mit integrierter SOS-Taste daher, hat aber im Gegensatz zum Ursprungsmodell deutlich mehr Technik unter der Klapp-Haube: Als Betriebssystem kommt KaiOS in der Version 2.5 zum Einsatz und unverzichtbare Apps wie Facebook und WhatsApp sind bereits vorinstalliert. Außerdem bietet es sowohl 4G-Funktionalität als auch die Möglichkeit, deine Internetverbindung mit anderen zu teilen. Auch nicht schlecht: Per Knopfdruck hilft dir der Google Assistant, häufig verwendete Funktionen mit deiner Stimme zu steuern. Und last but not least: 28 Tage Standby-Zeit mit einer einzigen Akkuladung. Damit ist das neue Nokia Klapphandy definitiv auch was für uns Europäer. Und zwar für jeden, der zwar ins Internet muss, aber keinen Schnickschnack braucht – für etwas weniger Ablenkung und mehr Aufmerksamkeit fürs Hier und Jetzt. Eigentlich eine schöne Vorstellung.

Text verfasst von Bibi Eyb



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